„Uns geht's ja noch gold“

Das Rostocker digitale Tagebuch

Schicksalsschläge

Sie hatte sich nachts um drei mit dem Fuchs ein Duell geliefert.
Mit der Taschenlampe hatte sie über die Wiese geleuchtet, direkt in dessen Augen und auch mehrmals in die Hände geklatscht, um den Fuchs mit Lärm in die Flucht zu schlagen.

„Scheiß Fuchs!“, hatte sie in den Garten geschrien, „hau ab. Schleich dich!“
Auch geflucht hatte sie, dass der Fuchs immer nur zu ihrem Haus kam, zu ihren Hühnern. Nie zu den Hühnern der Nachbarn.

Ich hatte mich aus der Aktion rausgehalten und ganz bewusst keinen Wuff von mir gegeben und mich festschlafend gestellt.

Am nächsten Morgen war sie an mich herangetreten, hatte sich zu mir runtergebückt und mich gestreichelt, so wie jeden Morgen, vorwurfslos, als wäre in der Nacht alles glatt gelaufen mit dem Fuchs, vor allem durch mein Zutun.
„Mein Guter“, hatte sie gesagt, „mein Ein und Alles.“ Dann war der Anruf gekommen.

Die Neggesins waren unter Quarantäne gestellt worden. Als Erste im Dorf. Opa Neggesin wurde vom Ambulanzwagen ins Krankenhaus gebracht. So schlimm war es mit ihm. Auch mein Freund Hasso war betroffen und musste ab jetzt bei den Neggesins im Zwinger bleiben.

In der Nacht darauf hatte der Fuchs dem Nachbarn hinten an der Straße einen Besuch abgestattet, hatte fünf Hühner gerissen, ohne dass davon irgendjemand etwas mitgekriegt hatte.
Fünf Hühner! Das war ein Verlust.

Im Dorf sprach es sich rum. Auch dass Opa Neggesin die Nacht nicht durchgehalten hatte, dass er dem Virus erlegen war, sprach sich rum.
Wer die Neuigkeiten hörte, war erschüttert.

„Siehst du“, hatte sie zu mir gesagt und dabei meinen Hals lange gekrault, „jetzt haben zur Abwechslung einmal die anderen den Schaden. Nicht in jeder Hinsicht sieht die Welt gut aus. Aber uns geht’s ja noch Gold.“

Ich gab darauf keinen Wuff von mir.
Schließlich kann ich nicht wissen, ob sie die Lage richtig einschätzt.

Eine Kooperationsarbeit des Literaturhaus Rostock e.V mit dem Kempowski Archiv Rostock e.V.