„Uns geht's ja noch gold“

Das Rostocker digitale Tagebuch

Nicht mehr, nicht weniger, sondern schlauer!

Der umfassende Lockdown ab dem 16.03.20 ist als reflexhafte Soforthandlung nicht zu beanstanden, und Deutschland steht im internationalen Vergleich hervorragend da. Aber nach dem Reflex sollte das Nachdenken einsetzen.

  • Verhindert werden soll eine schlagartige Überlastungdes Gesundheitssystems
  • ie ältesten 15% der Bevölkerung (die Ü-70 jährigen)stellen fast 70% der klinikpflichtigen Patienten bei Covid-19-Verläufen. Die aktuellen Abschirmungen betreffen aber vor allem die jüngeren 85% der Bevölkerung. Die Risikogruppen werden vernachlässigt, und die Verzögerung bei der Erreichung der Herdenimmunität in der jüngeren / gesunden Bevölkerung gefährdet die Risikogruppen. Das ist fast so, als würde man die gesamte Bevölkerung glutenfrei ernähren, weil ein kleiner Teil davon Gluten nicht verträgt.

Mögliche Maßnahmen zum Schutz der Ü65 und Jüngerer mit Vorerkrankungen:

  • Läden, Friseure etc.  öffnen morgens die ersten 3 h nur für Ü-65-jährige,
  • Freistellung und Verdienstausfallgeld für die Ü65, die noch arbeiten,    
  • Wäschereiservice,
  • Lieferdienste (für Lebensmittel, Drogerieartikel, Arztrezepte, Medikamente),
  • Briefe und SMS an Ü-65-jährige mit Appellen und Hilfsangeboten,
  • Wohnen im Schrebergarten (Übernachtungsverbot im Kleingarten suspendieren - Vorschlag von Rostocks OB Claus Madsen, wird im Bund ignoriert)
  • erweiterte Telefonseelsorge,
  • zusätzliche Fernsehsender / -sendungen,
  • "whatever it takes", die Liste ist noch lange nicht vollständig.  

Gerontologen und u.a. RA Ströbele haben schon vorsorglich gedroht, man werde gegen eine risikobasierte / altersgruppendifferenzierte Abschirmungspolitik klagen, weil sie - was kümmert uns die biologische Wirklichkeit - verfassungswidrig, ungerecht und diskriminierend sei. Um es in noch eine Metapher zu kleiden: das ist ungefähr so, als würde man allen das Gehen verbieten, Rollstuhlfahrern zuliebe.

Gestorben wurde schon immer …

In Deutschland sterben normalerweise täglich 2.600 Menschen. Im Winter sterben normalerweise ein paar mehr (Grippetote!), im Sommer weniger. Das macht in fünf Tagen 13.000 Menschen. "Mit oder an" Corona verstarben in den letzten 5 Tagen rund 1.100 Menschen, die meisten davon über 80 und vorerkrankt, aber auch die Zahl hätte man mit einer zielgruppengerechteren Politik noch deutlich senken können.

Wir fahren Auto, haben ungeschützten Sex, essen in Restaurants ohne die Küche zu kontrollieren, wir rauchen, ernähren uns falsch, und tun dabei so, als gäbe es keinen Austausch von Freiheit gegen Risiko. Dass wir schwerste Grundrechtseinschränkungen und wirtschaftliche Opfer beschließen und hinnehmen können, aber weder ein Tabakverbot noch einen zielgerichteten Schutz für Risikogruppen hinbekommen, ist genauso skurril wie das Argument gegen die Maskenpflicht, "man könne so viele Masken nicht auf die Schnelle beschaffen" (selber basteln?).

Der Lockdown-für-alle ignoriert wissenschaftliche Fakten und Grundprinzipien der Erkenntnistheorie (und der Statistik als Teil davon), beruft sich aber ständig darauf. In den täglichen Meldungen werden immer nur absolute Zahlen von Infizierten und Toten genannt und sogar Sterbezahlen von Italien mit denen der USA verglichen, als ob die nicht 5,5 mal mehr Einwohner hätten. Es wird so getan, als seien alle Infektionen unabhängig von der Verlaufsschwere schlimm, und als werde sonst nie gestorben.
Die richtige Meßzahl ist nicht die Zahl der Infizierten (weil das nichts über die Testintensität oder die Verlaufsschwere sagt), nicht die Zahl der Todesfälle (weil das nichts über das "normale" Sterbegeschehen sagt), sondern die "zusätzliche Sterberate" als Relation von Corona- Sterbefällen zur Grundgesamtheit der "normalen" Sterberate. Diese Zahl ist leicht und objektiv zu ermitteln.

Länder mit den höchsten zusätzlichen Sterberaten (Frankreich, Italien und Spanien)haben zugleich die schärfsten Restriktionen, und das seit mehreren Wochen. Das fehlende Anschlagen dieser Restriktionen deutet auf andere, von den Restriktionen noch nicht erfaßte Infektionswege, die ermittelt werden müssen. Es ist auch ein Indiz dafür, die Wirksamkeit mancher Restriktionen unvoreingenommen neu zu bewerten.

Schon seit Beginn der gegenwärtigen Maßnahmen der "sozialen Distanzierung" (Gleis 1) hätte parallel ein zweites Gleis aufgebaut werden müssen (Zusatzmaßnahmen Ü65). In dem Maße, in dem Gleis 2 Wirkung zeigt, könnte dann Gleis 1 (Jugend & arbeitende Bevölkerung) entlastet werden.

Nur weil auch der Rest der Welt kaum risikobasiert arbeitet, heißt das nicht, dass wir damit nicht anfangen sollten.

Eine Kooperationsarbeit des Literaturhaus Rostock e.V. mit dem Kempowski Archiv Rostock e.V.