„Uns geht's ja noch gold“

Das Rostocker digitale Tagebuch

Liebe Oma,

da wir uns gerade nicht sehen können, schreibe ich Dir heute einfach einen Brief. So wie früher aus dem Ferienlager, wenn ich kein Geld für Bonbons und Eis mehr hatte. Wie damals schreibe ich nur an Dich, aber Opa darf natürlich mitlesen.

Am Montag hatte Antje Geburtstag. Antje, die ich in der 10. Klasse an der Großen Stadtschule kennen gelernt habe, als ich bei Dir in der Südstadt gewohnt habe. Am letzten Montag jedenfalls war alles anders als die Jahre zuvor. Sonst habe ich zu dieser Zeit am Neuen Friedhof die ersten zwei Mokkabaiser der Saison gekauft. In der Creme zwischen den beiden weißen Baiserhälften ist manchmal zu viel Schokolade, dann ist sie so mächtig, dass ich nur einen der beiden Baiser auf einmal essen kann. Aber letztes Jahr an Antjes Geburtstag waren sie einfach nur lecker, daran erinnere ich mich genau. Abends bin ich zum Peter-Weiss-Haus gefahren, um mit Antje zu feiern.

Am Montag dieser Woche lief das alles anders. Sowohl Bäcker als auch Peter-Weiss-Haus waren geschlossen. Nachmittags habe ich an Antjes Geschenk und Franzi an einem Mundschutz genäht. Ich glaube, ich habe das letzte Mal als Kind mit zehn oder elf Jahren genäht, Franzi noch nie. Eigentlich hatte sie die Nähmaschine mit Fäustlingen für Koalas einweihen wollen, aber nun waren erst die Masken dran. Außerdem habe ich im Internet einen Gutschein für Antje gekauft, den sie einlösen kann, wenn die Geschäfte wieder öffnen dürfen. Am späten Nachmittag haben wir etwas gemacht, das Dir bestimmt gefallen hätte. Wegen des Kontaktverbotes mussten wir uns überlegen, wie wir Antje nun ihr Geschenk übergeben. Wir haben darüber gewitzelt, dass wir ja eine Vorbeifahrparty veranstalten können und noch während wir über diese Vorstellung lachten, haben wir schon beide gewusst: Das machen wir jetzt! Wir haben also den Pudel in´s Auto gesetzt und sind nach Brinckmannsdorf gefahren. Dort hat Franzi das Geschenk vor der Tür des Reihenhauses mit der Nummer 36 abgelegt, geklingelt und ist zurück in´s Auto gesprintet. Die Tür ging auf, nicht Antje, sondern der sichtlich verdatterte Stefan stand auf der Schwelle. Hinter ihm aber tauchte schon Antje auf, für uns das Signal, lauthals ein reichlich schiefes „Happy Birthday“ aus dem Autofenster heraus anzustimmen. Antje war zwar peinlich berührt, aber ich glaube, ein bisschen gefreut hat sie sich auch. Trotzdem war sie froh, als wir unser Gebrüll endlich beendet hatten.

Heute, am siebten Tag danach, habe ich an Dich gedacht, als ich überlegte, was ich morgen machen möchte. Emmanuel Macron sagte vor Kurzem „Wir sind im Krieg.“. Gleich sechs Mal hat er das in seiner Rede wiederholt, offenbar hatte er das Gefühl, das merkt sonst keiner. Ich kenne Kriege nur aus dem Fernsehen. Du hast einen noch hautnah miterleben müssen, aber wir haben nie darüber gesprochen.

Morgen vor 75 Jahren warst Du 16 Jahre jung und wurdest vermutlich Zeugin der grotesken Feierlichkeiten zum Führergeburtstag.

Wie wir beide wissen, war es sein Letzter, der Abgesang hatte längst begonnen und der Krieg war nur wenig später beendet. Menschen werden für Menschen leicht zum Sündenbock. Der erklärte Feind damals war sichtbar, wurde sichtbar gemacht. Bei einem Virus scheint das schwieriger zu sein. Ob sich die Zweifler von heute dem Feindbild vor 75 Jahren auch so vehement widersetzt hätten? Ich bin mir nicht sicher. Was ich weiß, ist, dass „unser Krieg“ nicht am 08. Mai beendet sein wird. Antje wird dann weiter unterbezahlt eine Wohngruppe benachteiligter Jugendlicher betreuen und Jenny Nachtdienste schieben, um sich neben ihrem Job als Krankenschwester das Medizinstudium leisten zu können. Jasmin und Margitta werden eventuell wieder in ihren Schulen unterrichten und wir vielleicht auf dem Hin- und Rückweg zu unseren Laufstrecken nicht mehr von der Polizei kontrolliert werden. Hätten wir uns vor drei Jahren mal von unserem Hamburger Kennzeichen getrennt.

Aber heute beschäftigt mich mehr als der 08. Mai die Frage, was ich morgen mache, denn morgen vor einem Jahr bist Du gestorben. Im Heim am Fernsehturm, in Deinem Zimmer mit dem Katzenbild an der Tür. Nachts um halb eins hast Du laut gerufen und eine Schwester hat nach Dir gesehen. Ganz schnell sei es gegangen, sagte sie, friedlich seist Du gewesen, als es zuende ging. 90 Jahre alt warst Du, „der Körper war verbraucht“ wie es eine Pflegerin später etwas unpassend formulierte, um uns zu trösten. Morgen vor einem Jahr lag ich weinend auf Deiner Brust, streichelte Deine schon kalte Hand und flüsterte Dir zu, dass ich Dich lieb habe.

Ich vermisse Dich, Oma. Schaue jeden Tag auf mein Lieblingsbild von Dir: Du, keine zehn Jahre alt, in einem weißen Ausgehkleidchen, Riemchenschuhe an den Füßen und Schleife im Haar mit einem Ballon in der Hand und einem Blick direkt in die Kamera, der sagt: Ich weiß genau, was ich will! Ich bin froh, dass ich mich von Dir verabschieden konnte. Meine Wange an Deine legen, als Du kurz vor Deinem Tod im Krankenhaus warst. Ich wünschte, die Demenz hätte Dich ausgelassen, hätte nicht dafür gesorgt, dass Du mich bei unserem letzten Treffen kurz danach nicht mehr erkanntest. Hätte Dir gern die Lungenentzündung am Ende Deines Lebens erspart. Aber einen anderen Abschied als damals im Krankenhaus hätte ich mir nicht gewünscht. Ich habe Dein letztes Lächeln in meinem Gedächtnis gespeichert und auch, wie wir uns zugewunken haben, als ich aus Deinem Krankenzimmer ging. Uns zuwinken, das hatten wir seit meinen Kindertagen nicht mehr gemacht. Früher wurde nach jedem Besuch bei Dir auf dem Weg zum Auto gewunken - Du aus dem Fenster des zweiten Stockes in der Kurt-Tucholsky-Straße 11 heraus, ich an der Hand von Mutti kurz vorm Abbiegen nach den Garagen. Dann aber - ganz wichtig! - ein zweites Mal winken beim Vorbeifahren, Du immer noch am Fenster, ich auf dem Rücksitz unseres hellblauen Trabanten. Ich war damals Dein kleines Mädchen und ich durfte es bleiben bis zum Schluss.

Es war ein Privileg, Abschied nehmen zu können, Oma.

Ich weiß deshalb jetzt, was ich morgen mache, ich werde eine Geschichte für Dich schreiben und so wird sie beginnen:

Meine Oma hieß Ursula. Ursula Martha Marie, um genau zu sein. Ursel nannten sie ihre Freunde, Oma Uschi war sie für mich. Nachdem Oma Frieda gestorben war, nur noch Oma. Ich wurde im 7. Monat des Jahres 1977 in Rostock geboren. Es gibt ein kurzes Gedicht, das „De Rostocker Kennewohrn“ heißt, was man als „Die Rostocker Wahrzeichen“ übersetzen kann. Oma erzählte mir einmal von diesem Gedicht, als ich ihr zu ihrem 77. Geburtstag ein Bild mit einer großen 7 gezeichnet und geschenkt hatte. Sie erklärte mir, die 7 sei die Zahl der Stadt Rostock, denn es gäbe dort unter anderem 7 Kirchen, 7 Tore und 7 Türme.

Oma war 90 Jahre Rostock und mein Augenstern. Ein Stern mit sieben Spitzen natürlich, ein Siebenstrahlstern.

Eine Kooperationsarbeit des Literaturhaus Rostock e.V mit dem Kempowski Archiv Rostock e.V.