„Uns geht's ja noch gold“

Das Rostocker digitale Tagebuch

Kuriertraum

„Führerschein, Fahrpapiere und das entsperrte Telefon.“ sagt der Polizist, nachdem ich den Mundschutz aufgesetzt und das Fenster einen Spalt weit geöffnet habe. Pflichtbewusst gebe ich ihm Dokumente und Smartphone.
„Warum waren sie dort?“ fragt der Polizist. Er dreht das Handydisplay zu mir und deutet auf eine Line in der Tracking-App. Anhand der Linie können die Bewegungen des Telefonbesitzers nachverfolgt werden. Sie schlägt an einer Stelle aus und geht kurz, für wenige Kilometer, über die Grenze Mecklenburg-Vorpommerns hinaus, dann wieder zurück ins Bundesland. „Ich hab keine Ahnung.“ lüge ich. „Wie sie ja sehen können“ erkläre ich mich dem Polizisten, „bin ich Kurier. Ein systemrelevanter Job also.“
Der Polizist gibt die Positionsdaten an seinen Kollegen im Einsatzwagen weiter. „Ein Waldweg. Da stehen Schlagbäume, geschlossen. Werden täglich kontrolliert, bisher keine Vorfälle.“ krächzt es aus seinem Funkgerät. „Also haben sie vorsätzlich die Warnschilder ignoriert, den Schlagbaum geöffnet und nach der Durchfahrt wieder zurückgeschoben.“ sagt der Polizist.
„Ich fahre viele Adressen an und fahre auf Nebenstraßen, um weniger Arbeitszeit mit den Viruskontrollen auf den Hauptstraßen zu verlieren. Wenn ich mein Soll nicht schaffe, wäre ich schnell raus aus dem Geschäft.“ antworte ich in der Hoffnung auf Verständnis, woraufhin der Polizist zwar verständnisvoll nickt, aber feststellt, dass hier keine Ausnahmen gemacht werden können, denn es gäbe Regelungen und die gibt es ja nicht umsonst. Wenn sich alle so verhalten würden wie ich, dann könnte man die Prävention auch ganz sein lassen, weil sie dann nichts mehr bringt. Und das, obwohl Mecklenburg-Vorpommern mit seinen Einreiseverboten doch bisher vorbildhaft geringe Infektionszahlen hatte. Mein Verhalten gefährde fahrlässig diese Erfolge. Dann gibt er mir mein Handy wieder und geht mit den Papieren zum Einsatzwagen. Kurze Zeit später kommt er zurück und gibt mir mit den Fahrpapieren auch den Bußgeldbescheid. Die darauf ausgewiesene Strafe beträgt Vierundzwanzigtausend Euro. Außerdem gibt es zwei Punkte in Bergen. Glücklicherweise weigert sich Flensburg, seit der Spaltung der BRD in seine Bundesländer, die Verkehrssünderakten den Behörden außerhalb Schleswig-Holsteins zur Verfügung zu stellen. Sonst wäre ich die Fleppen jetzt wohl los.
„Die Behörde passt die Beträge täglich an die Hyperinflation an.“ scheint der Polizist sich für den Betrag entschuldigen zu wollen. Er weiß genau so gut wie ich, dass niemand diese Summen bezahlen kann, aber die Verwaltung läuft ja noch und die Zahlungsaufforderungen und Zwangsvollstreckungsbescheide gehen mehr oder weniger automatisch raus und die Schulden bleiben dokumentiert und können weiter eingefordert werden, wenn sich das Finanzsystem wieder stabilisiert hat…
Schweißgebadet wache ich auf und wecke dabei den Delfin. In letzter Zeit kommt er nachts in mein Zimmer, sagt, dass er Angst hat und nicht schlafen kann, legt sich zu mir ins Bett und schnarcht wenige Minuten später selig durch sein Luftloch.
„Was ist passiert?“ fragt erschrocken der Delfin. „Ach, ich hab Mist geträumt.“ erwidere ich. „In dem Traum haben sich im Kampf gegen die Epidemie und mit seinen Sicherheitsmaßnahmen viele Demokratien in autoritäre Regionalmächte aufgespalten. Und mit dem Zusammenbruch des globalen Handels und den ersten Versorgungsengpässen kam nach der Deflation, in welcher alle kleineren Schuldner ihre Assets zu Geld machen mussten, die Hyperinflation, weshalb die Bußgelder bei Verkehrskontrollen in astronomische…“
Ich werde von Schnarchgeräuschen unterbrochen. Der Delfin ist wieder eingeschlafen. Was ich auch tun sollte. Wieder einschlafen. Und nicht noch mal so einen Quatsch träumen.

Eine Kooperationsarbeit des Literaturhaus Rostock e.V mit dem Kempowski Archiv Rostock e.V.