„Uns geht's ja noch gold“

Das Rostocker digitale Tagebuch

Ein ganz normaler Tag

Ich liege im Bett und starre die Decke an. Es ist schon weit nach Mitternacht und ich habe noch keine einzige Minute geschlafen. Das passiert mir des Öfteren, seitdem ich im Ruhestand bin. Die merkwürdigsten Gedanken gehen mir durch den Kopf. Wie das so ist, wenn man auf einen Schlag nicht nur auf das gewohnte Arbeitsumfeld verzichten muss, was mit 68 Jahren ja durchaus normal ist, sondern zusätzlich durch fiese kleine Viren aus einer Familie, die widersinniger Weise auch noch den provokanten Namen Corona trägt, was so viel wie Krone oder Ehrenkranz bedeutet, vom gesellschaftlichen und familiären Leben abgeschnitten wird.

Vor meinen Augen erscheint eine grüne gezackte Kugel mit dunkelroten Augen, spitzen Zähnen und einem unangenehmen Husten...

Da muss ich wohl doch kurz eingeschlafen sein. Das einzig rote, was in der Dunkelheit blinkt, ist der Rauchmelder an der Decke.

Wie immer habe ich ein unangenehmes Gefühl, wenn ich im Bett liegend zwangsweise an diesen erinnert werde. Schließlich befindet er sich unmittelbar über mir und blinkt unablässig. Was, wenn er plötzlich Alarm schlägt, mitten in der Nacht. Was mache ich dann? Aber andererseits, warum sollte er, beruhige ich mich immer wieder, auch diesmal.

Am Morgen werde ich von einem schrillen, kaum auszuhaltenden Signalton aus dem Schlaf gerissen. Beide Rauchmelder signalisieren ihre Anwesenheit, grundlos.

Das kann doch nicht wahr sein, denke ich. Im Schlafanzug hole ich meinen Besen aus der Abstellkammer und klopfe von unten gegen die Rauchmelder. Nach kurzem Kampf geben sie auf und schweigen. Eine Stunde lang. Dann geht es wieder los. Panisch suche ich die Nummer von der Hausverwaltung. Die muss doch irgendwo hier sein.

Da klingelt es an der Wohnungstür. Ich öffne. Um Abstand bemüht, steht meine Nachbarin vor der Tür. Sie wohnt eine Etage unter mir. „Ich wollte nur mal sehen, ob Sie zu Hause sind“ sagt sie.“ Ich habe ihren Rauchmelder gehört.“ Ich sage, dass ich zu Hause bin, wie sie ja sehen kann. Dann kommt sie einen Schritt näher an mich heran, den Rollkragen ihres Pullovers vorsichtig hochziehend, denn das Einhalten des Abstandes von 1,50m hätte sie unweigerlich die Treppe herunterfallen lassen. „Sie müssen mal Ihre Sprechanlage kontrollieren,“ sagt sie. „Ich kann hören, wie Sie sich bewegen, oder auch die Musik, die Sie hören. Vielleicht ist auch nur der Hörer nicht richtig eingehängt.“ Freundlich lächelnd geht sie wieder in ihre Wohnung. Im ersten Moment überlege ich, ob ich auch immer die Toilettentür richtig zugemacht habe. Sicher war ich mir da nicht, aber nun ist es sowieso zu spät. Was wollte ich eigentlich, ach ja, die Nummer. Ich suche weiter. Da fallen mir zwei Rechnungen in die Hände. Hm, es scheint, als ob die Mahnungen, über die ich mich neulich so aufgeregt habe, doch berechtigt gewesen sind. Aber jetzt gilt es die Nummer zu finden. Ah, da ist sie ja. 26231***. Ich wähle. Eine freundliche Stimme meldet sich, den Namen habe ich nicht verstanden.“ Was kann ich für Sie tun?“ Ich schildere mein Problem mit den Rauchmeldern. Stille am anderen Ende. „Hallo?“ „Ja?“, sagt die Stimme, „da kann ich Ihnen leider nicht helfen, hier ist die Suchtberatung.“ Ach du meine Güte! Nein, die kann mir nun wirklich nicht helfen. War wohl die falsche Nummer, tatsächlich, ich hatte eine 0 vergessen. Ich wähle wieder. Nun bin ich richtig, es ist die Hausverwaltung. Die Stimme am anderen Ende sagt, dass sie mir auch nicht helfen kann, aber ich erhalte die Nummer des Verantwortlichen für die Rauchmelder.  26231***, ich wähle wieder. Ein netter Herr hört sich mein Problem an. „Da sind Sie bei mir nicht ganz richtig. Ich gebe Ihnen mal die Nummer des Verantwortlichen: 26231***.“ Ich wähle. „Steuerbüro Klinkmann, was kann ich für Sie tun?“ Das gibt es doch gar nicht. War es wirklich 26231*** oder doch ****? Der Verzweiflung nahe wähle ich nun die 26231***. „Ingenieurbüro Harms, was kann ich für Sie tun?“ Das könnte richtig sein, denke ich und so sage ich ganz vorsichtig, dass es um meine Rauchmelder geht. „Ja“, sagt die nette Dame, „haben Sie die Genehmigung zum Einbau vorliegen?“ Wieder falsch. Noch einmal wähle ich 26231***. Ich schildere mein Problem und es gibt die Lösung: ich hinterlasse meine Nummer und bitte um Rückruf. Aber, so sagt man mir, es kann dauern. Wir hätten schließlich Krisenzeiten und da ist alles nicht so einfach und ob überhaupt jemand in die Wohnung kommen kann…, auf jeden Fall wird man sich bei Ihnen melden. Vorsorglich rät man mir noch, von einer Entfernung der Batterien abzusehen, da diese fest im Rauchmelder integriert seien und sich nicht entfernen ließen. Das finde ich sehr beruhigend, denn der Überraschungseffekt bei jedem neuen Alarm bleibt so ungebrochen.

Nun sitze ich hier und warte. Zwischenzeitlich schaue ich aus dem Fenster und sehe auf der Straße ein junges Pärchen, das sich leidenschaftlich küsst und nur wenige Meter entfernt eine junge Frau mit Mundschutz und Handschuhen. Auf dem Platz vor meinem Haus quengelnde Kinder, die unbedingt auf den Spielplatz möchten und eine ältere Frau, die nicht in die Kirche darf. Aber aus dem Buchladen nebenan kommen zum ersten Mal wieder Menschen. Das gibt Hoffnung.

Normalerweise wäre das alles kein Problem. Denn ich habe einen Partner für alle großen und kleinen Probleme, im Moment leider nur theoretisch, denn er wohnt nicht hier, zwar nur eine gute Autostunde von mir entfernt aber doch unerreichbar, denn er darf mich nicht besuchen.

Jetzt klingelt das Telefon. Ich hoffe nur, dass es diesmal nicht das Bestattungsinstitut ist.

Eine Kooperationsarbeit des Literaturhaus Rostock e.V mit dem Kempowski Archiv Rostock e.V.