„Uns geht's ja noch gold“

Das Rostocker digitale Tagebuch

Die Risikopatientin

Ich bin vor drei Jahren an einer seltenen Autoimmunerkrankung erkrankt, welche eine doppelseitige Lungenentzündung zur Folge hatte. Ich kann daher einschätzen, wie es ist, keine Luft mehr zu bekommen und langsam zu ersticken.
Nach hundert Meter Gehen konnte ich nicht mehr, Treppensteigen unmöglich, zum Schluss hat man mich im Rollstuhl zu den Behandlungen gefahren. In der Klinik wurde alles erdenklich Mögliche für mich getan, nach einigen Wochen fand man eine Therapie, welche mir das Leben gerettet hat.
Nicht erst seit diesem Zeitpunkt weiß ich, dass das Gesundheitssystem systemrelevant ist.
Und die Menschen, die dort arbeiten.

Ich habe mich über ein Jahr lang schrittweise zurück ins Leben gekämpft und nun dieses Virus!
Jetzt bewege ich mich in einer Zwischenwelt, wie ein Schatten, gehe nur vor die Tür, wenn ich muss. Um mir neue Arbeit aus dem Büro zu holen oder erledigte wegzubringen, manchmal, um einzukaufen, dann plane ich vorher genau, was ich brauche, damit die Lebensmittel für eine Woche oder länger reichen. Wenn ich mich bewegen will, fahre ich Rad, einfach so, durch die Stadt, aber auch das zu unorthodoxen Zeiten, morgens, abends, bei wenig Publikum.

Einmal bin ich tagsüber nach Gehlsdorf gefahren, der Weg war allerdings voll wie eine Pilgerstrecke. Da waren jede Menge Hipstermütter, die sich in Familienverbänden zusammengeballten und die Kinderwagen wie Straßensperren vor sich herschoben, dazu zahlreicher Nachwuchs in bereits lauffähigem Alter im Schlepptau. Da denke ich, hört ihr keine Nachrichten?

Das ist im Übrigen die einzige Bevölkerungsgruppe, die mir bisher unangenehm aufgefallen ist. Die meisten Menschen halten sich an die Kontaktbeschränkungen. Dafür bin ich dankbar.

Manchmal frage ich mich, wie man es anstellt, nicht verrückt zu werden. Für mich wird es erst wieder ein normales Leben nach einem Impfstoff geben. Kein Theater, kein Fitnessstudio, kein Malkurs, kein Konzert, keine Reisen, rein gar nichts. Das ist, als ob die Seele vertrocknet.

Die Viruskrise hat jedoch auch für mich etwas Gutes.Ich habe endlich wieder Zeit, ein Buch zu lesen. Oder um zu malen. Oder um darüber nachzudenken, wie wenig der Mensch genaugenommen wirklich braucht, um glücklich zu sein.

Eine berufliche Karriere werde ich jedenfalls nach dem Virus nicht mehr anstreben. Wenn ich das überleben sollte, werde ich meine Tage mit Wichtigerem anfüllen.

Eine Kooperationsarbeit des Literaturhaus Rostock e.V mit dem Kempowski Archiv Rostock e.V.