„Uns geht's ja noch gold“

Das Rostocker digitale Tagebuch

13. April - 01. Mai

Ostermontag, 13. April 2020

Es ist kalt. Und still. Die Innenstadtgemeinde hat ein Osterlicht in den Briefkasten geworfen, das ist abgebrannt. Termine oder Verabredungen habe ich keine mehr, Briefe sind alle geschrieben. Habe mit meiner Freundin Claudia in Hannover telefoniert, aber die sind fünf Personen im Haushalt, da ist man selten allein. Habe auch gestern Abend zu viel getrunken, das macht dann morgens so ein hohles Gefühl im Kopf. Ich muss das lassen. Aber ich habe seit Mitte März jeden Abend das Gefühl, mich belohnen zu müssen. Für nix. Für keinen Stress. Kein Gehetze. Für keinen Streit mit niemandem. Meine Internistin wird beim nächsten Check-Up aus allen Wolken fallen. Das ist im Mai, glaube ich. Brrrhhhh, ….

Nehme jetzt das Strickzeug, da habe ich wenigstens das Gefühl, dass ich etwas schaffe. Wieder kein Buch gelesen, wieder viel zu viel Zeit am iPad mit blöden Spielen verdaddelt. Mit Fischen, Aquariumsausstattung gegen Edelstein, Gartenbau gegen Punkte. Was für ein Quatsch. Habe mir aber auch eine Sprach-Lern-App gegönnt – sogar die werbefreie Variante, 13,99 pro Monat. Erstmal für einen Monat, dann sehen wir weiter.

Im TV lauter zweite Teile, Burda, Adidas. Die Sonne scheint so in die Wohnung, dass ich mein Fernsehbild nicht erkenne. Jähzorn.

Dienstag, 14. April 2020

Post von Carola aus Brüssel. Gelber Umschlag. Wieder in der Bibliothek, das ist ganz gut. Laufend klingelt das Telefon: „Sagen Sie mal: haben Sie eigentlich auch geschlossen?“ „Wo kann ich denn jetzt meine Bücher abgeben?“ „Bringen Sie auch Bücher? Das hat ja in der Zeitung gestanden.“ JAAAAAAAAAAAAA, aber nur für Menschen in Quarantäne. Aber, macht nix. Wir haben Zeit und es bordet nicht über und hoffentlich freut sich jemand drüber. Alles fiebert auf morgen, auf die Konferenz der Kanzlerin mit den MPs. Die Vermutungen schießen ins Kraut. Es gibt kein anderes Thema mehr, entweder sagen alle das Gleiche oder alle etwas Anderes oder alle nix. Das nervt. Wir denken über Wiedereröffnungsszenarien in der BiBo nach, wieder Aufregung. (Deutsche) Hausfrauen kennen keine Gelassenheit. Stimmung im Büro gedämpft. Langes Telefonat mit Freundin Katja, die von ihrer Hochzeit am Gründonnerstag berichtet. Spooky. Sie hat ein lustiges Foto geschickt, Braut und Bräutigam mit Mundschutz und einer Dose Hochzeitssuppe. Im Juli soll gefeiert werden, groß gefeiert. Auch noch den 60. des Gatten dazu. Ob das was wird? Ich weiß es nicht. Wieder blauer Himmel, aber kalt und windig. Auf meiner Büchertaxi-Tour waren es heute Mittag und Nachmittag schon wieder ziemlich viele Autos auf den Straßen. Es ist Ferienende, na gut, aber – lockern da vielleicht schon einige für sich selbst das Kontaktverbot? Abends wieder, trotz aller guten Vorsätze, zu viel Alkohol. Telefonat mit Klaus, enttäuschend. Er hat sich über Ostern gar nicht gemeldet, genießt diese splendid isolation in Wien, vermisst nichts und niemanden, braucht niemanden. Plaudert vor sich hin, merkt nichts, geht auf nichts ein. Ich beende das Gespräch. Das ist aber krisenunabhängig. Er ist einfach so. Egoistisch. Unempathisch. Unfähig, Empathie zu zeigen, wenn es eine gibt. Schluss damit jetzt. Das zieht mich so runter – weg mit den Gedanken. Gib das Strickzeug rüber, dann sind die Hände beschäftigt und können kein Glas halten. Habe übrigens heute zum ersten Mal seit dem Shut Down Toilettenpapier gekauft. Komisches Gefühl. Denke gerade über diesen Text nach. Fordern die Situation und die Aktion nicht etwas Heroisches oder Bewegendes oder Tragisches? Bestimmt entsteht im Kopf eines großes Geistes in der erzwungenen Isolation „FAUST III“ oder die „Lolita des 2020er Jahre“ oder „Krieg und Frieden in Zeiten des Virus“. Ich schreibe nach wie vor nur Merkzettel, davon aber viele und Briefe, aber belanglose. Kein writers block, aber ein readers block. Seit Wochen kein Buch angefasst, manches nur gehört, das bleiben Bruchstücke. Das ist schon irgendwie ironisch – so viel Zeit und doch keine Ruhe.

Mittwoch, 15. April 2020

Blauer Himmel, Sonne, Kälte, Wind. Kater. Scheiße. Bibliothek. Früh halb neun. Heute muss ich mittags zu Hause sein, ein Lieferant kommt. Telefondienst. s.o. Büchertaxi. Schnell nach Hause. In der Wendeschleife vor meinem Haus der Anruf. Der Lieferant kann nicht kommen. Es gibt Krankheitsfälle und zu wenig Personal. Ich blaffe die Tante an der Hotline an. Parke ein. Der Typ, der auch in die Parklücke wollte, blafft mich an „Junge Frau, …“  Ich blaffe zurück. Und höre mich mit schriller Stimme (ein 5er für’s Phrasenschwein) den Satz sagen: „Der Ton macht die Musik.“ Scheiße. Aber mit dem Kater bin ich durch. Oder er mit mir. Heute Abend gibt es Brause. Promise.

Tag der Tage. WAS kommt? Wann tritt Frau Merkel ans Pult? Sitze vor der Glotze und meiner Putzfrau im Weg. Dann endlich. Bouffier. Merkel. Söder. Tschentscher. Scholz. Hmmm. Besorge mir das Dokument aus dem Netz. Was heißt das für meinen Laden? Die einen sprechen von Bibliotheken, die anderen von Buchhandlungen. Ein Verdreher? Wie kommt Frau Merkel dazu, flächendeckend ab kommenden Montag Bibliotheken öffnen zu wollen? Meine kleine kommunale Klitsche. Und das mit Fanta Zitrone light. Das Netz gibt keine weiteren Aufschlüsse. Ich verschiebe das auf morgen, mal sehen. Wir sollen ja außerdem jetzt für die Verwaltungsspitze Home Office Plätze zählen. Das mache ich auch morgen. Das wird ein toller Tag. Gucke etwas lustlos auf „Die Getriebenen“. Warum zum Himmel zeigen die uns das ausgerechnet heute? Nebenbei aufgepimpter gekaufter Kartoffelsalat und zwei Bio-Würstchen. Wie sagt die Verbraucherzentrale immer: Vertrauen Sie Ihrer Sensorik. Mach ich. Spät am Abend Facebook Messenger, eine Kollegin aus einer anderen Bibliothek. Was tun? Was meinen die? Schutzkonzept? Wir haben nix. Und ab Montag, was soll das denn? Aufregung. Bekomme einen Messenger Call zustande. Juhu, mein erstes Mal. Wir reden und flöhen gemeinsam das Netz. Viel später, Fundstück. Das Social-Media-Team der Bundesregierung klärt auf: Frau Merkel meint wissenschaftliche Bibliotheken nach Maßgabe der Auflagen. Die Kleinen warten weiter auf die Ansagen UNSERER Könige. Ich freue mich.

Donnerstag, 16. April 2020

Puh, wir sind erstmal raus. Wirklich nur die wissenschaftlichen. Die OZ hat’s falsch geschrieben, unser Telefon klingelt ununterbrochen. Der Kollege hat noch eine Webcam, sogar MIT Mikro aufgetrieben, wie toll. Nachmittags Logotherapeutisches Colloquium über Zoom. Gewöhnungsbedürftig, aber okay. Und besser als gar nix. Hauptthema: Corona, Sinn in der Quarantäne und Isolation. Arbeitsorganisation in Zeiten von Corona, die Tücken des Home Office. Da konnte ich viel lernen. Dann ein ganzer Block Telefonseelsorge, auch sehr interessant. Nächste Verabredung: in vier Wochen. Zu dem Termin, an dem wir uns eigentlich live in Münster getroffen hätten. An diesem Wochenende wäre ich eigentlich bei der CRIMINALE in Hannover. Auch nix. Das finde ich sehr schade! Post: neuer Gerichtstermin am 30. Juni, Papas Geburtstag.

19 Uhr Livestream, Erklärung der MP: wir öffnen die Bibliotheken. Ich glaube, ich höre nicht richtig, Schockstarre. Panik. Telefonate. Alle für morgen zusammenholen. Ich sollte jetzt nicht trinken, tue es trotzdem. Ich bin nicht konsequent. Tausend Sachen gehen mir durch den Kopf: Desinfektionsmittel, Schutzmasken, Schlangenmanagement (Was für ein Wort), Virenschutzglas. Schlafe im Sessel ein, wache mitten in der Nacht auf und gehe hoch ins Bett.

Frau Zimmermann war wieder da und hat Fenster und Badezimmerfliesen geputzt, das kriege ich für oben schon gar nicht mehr mit. Kann ich morgen ausschlafen? Nein, verdammt – es ist ja dieser Öffnungsscheiß zu bearbeiten. Reiß Dich zusammen, verdammte Naht.

Freitag, 17. April 2020

Heute ist die Falschmeldung der OZ von gestern richtig. Wir halten Kriegsrat. Nix da mit Social Distancing. Mein Leben ist wie immer. Wirklich? Die Theaterkollegen bauen Virenschutz. Wir sind allein, kein Hauptamt, kein Stab, kein Senator. Das ist scheiße und fühlt sich einsam an, für uns alle. Der Tag vergeht mit organisieren und scheitern. Niemand weiß Bescheid, niemand kümmert sich. Desinfektionsmittel? Da brauchen Sie eine Freigabe der Kämmerei – die spinnen doch. Aufregung in der WhatsApp Gruppe – wie gut, dass ich da nicht bin. Schaffe nix von den eigentlich geplanten Dingen, habe seit Tagen keine Briefe geschrieben, wollte Verpackung für die Shots organisieren. Muss mich auch mal wieder bei Leuten melden. Brauche eine Liste.

Fahre nachmittags ins KTC zu Denn’s. Spooky Fotos aus der Tiefgarage. Unvorstellbar. Auch auf der Denn’s Etage im KTC wenig Betrieb. Nur Post, Netto und Denn’s eben.

Samstag, 18. April 2020

Fast zwei Stunden mit Christine telefoniert; über nix. Einfach geschwatzt. Garten, Strand. Dann ist der Tag einfach weggerutscht. Kann mich nicht erinnern, was ich gemacht habe. Nix produktives, auf jeden Fall. Gar nicht rausgegangen. Sehr früh ins Bett. Fantastisches dreiteiliges Hörspiel aus der ARD Audiothek gehört. Wieder nicht gelesen.

Sonntag, 19. April 2020

Früh aufgestanden; sehr produktiv. Briefe, Päckchen. Shots für Mama und Papa und die Füchsin. Von der habe ich lange nichts mehr gehört. Brief für Onkel Walter. Post am Bahnhof nimmt am Sonntag keine Päckchen. So ein Mist. Kuchen gekauft, zu viel. Abends noch gekocht. Schon mal viel zu viel. Telefoniert, aber vergessen mit wem. Ach ja, Peter Martins!

Montag, 20. April 2020

Führers Geburtstag, Entschuldigung. Lange bei Arbeit und Leben. DB mit S 3. Wir wollen, müssen öffnen. Riesenchaos. Da hat die Küstenbarbie uns etwas eingebrockt. SN und HWI machen heute schon auf, sind top vorbereitet. Mist. Wir haben nix. Kein Equipment, 0. Aufsteller vor der Tür – wir haben noch geschlossen. Erboste Nutzer quetschen ihre Medien durch den Postschlitz in der Tür.

Nach dem Dienst „Gänge“, früher normal oder lästig, heute immer mit so einem komischen schlechten Gewissen. Man soll drin sein und nicht durch die Gegend geigeln. Post,
Dr. Hoene, Blumen – an der Post: Schlange. Klaus ruft nicht an.

Dienstag, 21. April

Unklarheiten. Druck. Hunderte von Telefonaten. Wann öffnen Sie? Dr. Wendland ist keine Hilfe. In der Apotheke 15 einfache OP Masken für 22,50 €. Kampf mit 10, 10.1. und 53. Spät abends noch Telefonate mit Kolleginnen. Gesundheitsamt ist entspannt.

Klaus ruft nicht an.

Ich bin erschöpft. Von WAS? Etwas wird mir klar: für Klaus hat sich durch die Auflagen in seinem Leben gar nichts geändert. Seine Ahnungslosigkeit in den Telefonaten über die Situation „draußen“ ist nicht gespielt. Er fühlt sich wohl. Für mich wird mir auch etwas klar, ganz komisch, ganz plötzlich: auch für mich ist das Leben seit Wochen nicht so großartig anders. Mir fehlen Kneipen und Cafés, ein paar Menschen, aber sonst entbehre ich keine Menschen. Schreibe Briefe. Alles andere macht mir Stress.

Mittwoch, 22. April 2020

Wir öffnen am nächsten Montag. Verdammt viel Arbeit. Einweisung der Kolleginnen, an was alles gedacht werden muss. Briefe. Vorbereitung für die Fortbildung morgen, alles in Hektik.

Frau Zimmermann hat das Bad gemacht, herrlich sauber, wenn auch unsichtbar. Klaus ruft nicht an.

Keine Corona-Kranken mehr in HRO. Der letzte Patient kommt morgen aus der Quarantäne. Wozu der ganze Heckmeck. Und: Masken ja, Masken nein. Die Innenstadt voll, keine Masken, die allerwenigsten tragen eine. Ab Montag Pflicht im ÖPNV. Alte Leute überall. Was für ein ätzender Fatalismus oder Ignoranz. I do not get it. Leute mit Taschen von Leiser. Ausdruck der Befreiung, der Selbstwirksamkeit, der Freude?

Physio nachmittags – tut gut.
Glückwunsch an Carola in Brüssel. Was schreibt man nur?
Verschwörungstheorien sprießen.
Herr Martins bringt schwarzgelbes Klebeband für’s Abkleben.
Trinken oder nicht trinken? JA, trinken.

Donnerstag, 23. April 2020

Heute Nachmittag und Abend letzten Baustein der Mediations-Ausbildung absolviert. Das war Balsam für die Seele, viel guter Input, dann „Zeugnis“, hi, hi, …. Leider kann der Aufbaukurs nicht nahtlos stattfinden. Nicht genug Anmeldungen, auch wegen Corona. Eine Mitschülerin in meinem Kurs sagt: Ich habe keinen unbefristeten Arbeitsvertrag und wer weiß, was wird. Also kein Aufbaukurs jetzt, vielleicht im Herbst. Für alle bedeutet das: kein nahtloser Aufbaukurs, keine Anmeldungen. Vielleicht im Herbst. Man fragt mich, ob ich einverstanden bin. Na klar, widerwillig, aber was habe ich für eine Alternative. 

Beim Blumengießen sehe ich über das Fensterbrett auf dem Bürgersteig Frau Liekfeldt, meine Friseurin, mit Schwiegersohn und Enkelin. Brülle hektisch vom Balkon aus: „Sehe aus wie Rapunzel in uralt, wann kann ich wiederkommen?“ Antwort: „Das ist die schönste Zeit seit langem, aber WENN wir am 4.5. anfangen dürfen, dann sehen wir mal.“ Blutdruck. Mein Haar ist grau und viel, ganz schrecklich.

Freitag, 24. April 2020

Letzter Tag zur Vorbereitung, vier Schulungen in kleiner Besetzung. Arbeitsschutz und Unfallkasse sind vor Ort, nehmen die Vorbereitungen ab. Sind zufrieden. Nun darf auch die Presse informiert werden.

Wir bekommen merkwürdige Virenschutzgläser. Eher Marke Eigenbau. Was soll das?

Plötzlich wird „Maskenpflicht für Bibliotheken“ kommuniziert, woher kommt das? Ich hasse diese Informationspolitik.

Wochenende.

Ganz ruhig, nur kurz am Samstag draußen, gestrickt, Briefe, Manhattan, kriege das TV nicht ins Netz.

Telefoniert mit Mama und Papa, Brigitte.

Ich vermisse nichts. Außer Klaus – und das ist nicht Corona bedingt.

Montag, 27. April

Öffnung! Alles ruhig, alle sehr gespannt. Dienstplan. Zweigstellen? Shots für alle. Füchsin kriegt EPO. Telefon bestellt, Telekom Laden.

ZAHN!

Maskenpflicht im Einzelhandel, komisches Gefühl.

Kurzes Telefonat mit Klaus, kühl.

Dienstag, 28. April

Vormittags AuL, danach viel Arbeit, Protokoll, Sara, Köster-Kurth, neues Telefon, Telekom Laden, Ju kommt mit Kaffee.

Mittwoch, 29. April

Frisches Geld, dankbar, alle Kollegen zurück, auch Alte und die mit Kindern – alle müssen jetzt Unabkömmlichkeitserklärungen ausfüllen.

Telefoniert mit Corina, zu viel getrunken.

Im Supermarkt alles leer, warum?

Dann Physio.

Donnerstag, 30. April

NDR, ZAHN, AuL

1. Mai

Tag der Arbeit ohne Demo.

Telefonat mit Mama und Papa – sie waren in den letzten drei tagen DREIMAL am Recycling Hof, um EINEN Sack mit Grünschnitt abzugeben. Was muss passieren?

Eine Kooperationsarbeit des Literaturhaus Rostock e.V mit dem Kempowski Archiv Rostock e.V.